Ich habe Alyaria nun schon lange nicht mehr gesehen…
Wer mag schon ahnen, wo sie ist. In Bree war sie nicht auffindbar. Vielleicht sollte ich ihr einmal mehr eine Nachricht hinterlassen…
jedoch…was dann…? Treffen wir uns dann, sagen uns schöne Worte..lieben uns…und gehen dann wieder auseinander, um uns erst nach Wochen wiederzusehen? Ich hatte gehofft, nachdem ich aus Gondor wieder zurückgekommen bin, dass ich mehr Zeit mit ihr verbringen könnte…Aber nun wirkt diese Zeit wie …eine Art…
Ich weiss nicht, welches Wort man dafür benutzen müsste. Ich weiss nicht einmal, ob es ein Wort dafür gibt. Eines weiss ich jedoch. Ich vermisse sie…werde aber nicht bereit sein, ihr für Ewig nachzulaufen.
Auch ich, trotz ich eine Klinge bin, gebe mich einstweilen meinen Gefühlen gerne hin…
…So wie heute. Ich traf eine junge Frau. Sie wird keine 20 Sommer alt gewesen sein. Lieblich war ihre Stimme und ihr wohnte eine natürliche Schönheit inne, die mich faszinierte, wenn auch nicht körperklich erglühen ließ. Ich wollte sie kennen lernen, aber sie hat es tatsächlich geschafft, mich zu finden, bevor ich sie finden konnte. Das gehört sicherlich zu ihren Talenten…potentielle Freier zu entdecken. Sie ist ein Freudenmädchen…
Was würde Drakomir sagen, wenn er wüsste, in welch Gesellschaft ich mich in dieser Zeit gerne befinde…?
Denn eines weiss ich. Ich habe ihre Gesellschaft genossen, ihren Worten habe ich andächtig gelauscht, war über ihre Aussagen erstaunt, ja sogar fast erfreut…warum es mich erfreute? Ich bin mir nicht sicher. Sie sprach in einem ruhigen, nicht anzüglichem Ton..fast kann man sagen, dass ihre Stimme vor kindlicher Neugierde und Naivität strotzte…jedoch mischte sich stets der Ton der Weisheit in jedes ihrer Worte. Sicherlich, wir haben nicht viel über allzu intellektuelle Dinge geredet…aber warum sollten wir auch? Ich bin und bleibe ein Söldner und eine Klinge…Sie ist ein Freudenmädchen. Nichts verbindet uns, außer das Sie sicher schon viele Männer meines Berufstandes erfreut hat..und ich allseits jede Frau, die diesen Beruf ausführt, ablehnte…wenn auch höflich, denn ich habe tiefen Respekt vor diesen Frauen.
Damares würde mich sicherlich umbringen, wenn sie dies lesen würde…aber Huren mögen nichts anderes als Klingen sein. Sie werden bezahlt und erledigen dann ihren…”Auftrag” zur Freude des Zahlenden…Der einzige Unterschied besteht bei den Klingen tatsächlich in der Wahl der Auftraggeber…und unserem Stolz. Denn diesen Stolz vermissen ich bei den meißten Huren. Die meißten haben versucht, mich mit scharf ausgestellten, üppigen Reizen zu verführen. Und selbst wenn ich sie ebenso höflich ablehnte wie ich es bei diesem Mädchen tat, wurden mir Beschimpfung hinterhergeworfen, die meißt auf meine Männlichkeit abzielten.
Meißt lächelnd konnte ich diese Beschimpfungen niemals ernst nehmen…Wie auch. Ich bin eine Klinge und ich weiss um mein Können und meine Männlichkeit.
Dieses Mädchen nun…besitzt Stolz…und reizt nicht mit dem, was sie hat…sondern mit Zurückhaltung, Respekt…Schüchternheit vielleicht, auch wenn ich glaube, dass dies einfache ihre Art ist, ihre Freier von dem üblichen Gesocks zu trennen. Ich denke nämlich, dass auch sie sich ihre Freier in einem gewissen Maße selbst aussuchen kann….
Das sind natürlich alles nicht mehr als Spekulationen. Aber heute…in diesem Zimmer in Bree… habe ich mich wohl gefühlt. Nein, wir haben nicht miteinander geschlafen…Nein, wir haben nur geredet..und worüber? Über Alyaria…
Dieses Mädchen schaffte es, mir ihr Bild, ihr geliebtes Antlitz so deutlich vor Augen zu führen, als stünde sie neben mir. Als das Mädchen dann noch meine Hand nahm…und sie mit der Ihren umschloss, wollte ich mich zu ihr drehen und sie küssen, wie ich Alyaria küsste…mit dem Wissen, dass ich Alyaria küssen würde….
Aber Alas. Einmal mehr bin ich mehr Herz denn Mann. Mehr Klinge den alles andere. Ich öffnete die Augen und erkannte, wem oder was ich erliegen war…
Ich habe sie zweifelsohne bezahlt. Das ist Sitte. Während sie ihre Zeit mit mir verbringt, hat sie keine Einnahmen. Und wenn man sich schon mit einer Frau dieses Standes unterhält, muss man dies wie eine Dienstleistung behandeln…es ist ja nun nicht so, als habe ich daraus nicht meinen Nutzen gezogen…
Nicht den Nutzen, den ich hätte ziehen können.
…Dennoch, wie ich zu dem Mädchen sagte…ist dieses Bild, was sie in mir erschaffte nur ein Trugbild..eine Lüge..ein Wunsch, den ich mir erfüllen wollte. Hätte ich sie geküsst, hätte ich wohl mit ihr geschlafen…wenn ich mit ihr geschlafen hätte, hätte ich angenommen, mit Alyaria geschlafen zu haben…
Aber bei aller Liebe zu Alyaria…
Wäre dies einer Beleidigung diesem Mädchen gegenüber gleich gekommen. Ich kenne ihren Stand, ich weiss was es heißt…Aber in meinen Augen hätte ich ihr etwas genommen, was sie ohnehin schon lange verloren hat..und das hätte ich mir nicht verzeihen können. Denn wie kann man einem Menschen etwas nehmen, was er schon verloren hat? Man würde an diesem etwas zehren, was man niemals erreichen kann, niemals nehmen kann…und würde sich letzten Endes entweder selbst ins Unglück stürzen…was bei mir schwerlich möglich ist…oder die Person, aus der man versucht dieses Stück herauszuzerren…
Damit meine ich nicht, dass ich sie hätte besitzen wollen, mitnichten. Aber was ist das für ein Gefühl…?
Was ist das für ein Gefühl…selbst wenn es nur um den Beischlaf geht…jemanden anzusehen, als wäre dieser Jemand ein anderer? Nein, auch für eine Hure, die die Blicke der Lust kennt, die Blicke die von einem schneller werdenden, schwitzendem, lüstern schnaufenden Körper ausgehen, die Leer sind, ohne Liebe, ohne Hintergrund…nur mit sexueller Begierde und dem Bedürfniss, den Körper befriedigt zu wissen, können diese Blicke…schmerzen…
Denn sie wären nicht nur leer, nicht nur angestrengt von der plötzlichen Eruption des Körpers…nein…Sie würden in die Ferne schweifen, würden nach Liebe schreien, die nichts mit der Frau zu tun hat, die das Beben des Beckens mit ihrem Liebreiz auslöst. Die Blicke würden schweifen, würden jemanden suchen, der nicht auzufinden ist…und nach dem Akt der körperlichen Explosion würden sie…entäuscht sein, entäuscht umherblicken…aber nicht dankbar..nicht erlöst, eher unbefriedigt und unsicher…dann würde Scham in ihnen aufgehen…dann Wut…nicht auf die Person, die sich vermeintlich neben die Hülle, die die Augen umschließt an eben jene ankuschelt…nein. Sondern auf sich selbst..und dann würden die Augen beginnen, nach Innen zu starrn, Blicklos…Leerer, als niemals Augen waren..und kalt. Die Leidenschaft, die vielleicht vorgeherrscht hat, wird vergangen sein…wird zerstört sein…wird sich verlieren in Trauer..in Bosheit. Der Körper wird aufstehen, die Augen werdem die Kurtisane nicht mehr anblicken, sondern nur noch auf den Ausgang gerichtet sein, die Person zu suchen, die man soeben betrogen hat…voll mit Hoffnung, dass die Person einem vergeben wird…und dann…dann kommt der Hass auf die Hure…Der Hass auf sie, dass sie einen verführt hat..einen um sein Geld betrogen hat…ihm die Erfahrung verpsrach, die ihm so geläufig war, die er aber, wie er nun merkt, niemals bekommen wird, außer von dieser einen Person, die er soeben betrogen hat…
Kann eine Hure denn solche Blicke ertragen? Wie Kalt und Herzlos muss ein Mensch sein, solche Blicke ertragen zu können….stirbt jedweges Gefühl, das durch diese Augen, diese Blicke in einem hervorsteigen?
Und wenn ja…
Würde man dann so leben wollen…?