Ravothian scharrt mit den Hufen. Sonst ist er geduldig und fügsam. Aber daß sein Reiter ihm keine Richtung weist – und das schon seit Stunden – macht ihn unruhig.Sie sind zu einer Weggabelung gekommen. Ein kleiner Bach fließt in der Mitte. Zwei Straßen gehen ab.
„Welcher ist der richtige?“, fragt der Reiter niemand spezifisches und tut, was er schon seit Stunden tut. Er betrachtet beide Wege und ist unschlüssig.
Ein Jahr zuvor.
Vier Schnallen auf jeder Seite. Es ist kompliziert, sie festzumachen. Er hat die Rüstung noch nie allein angelegt. Normalerweise steht einem tirn-i-barad immer ein Rüstmeister zur Seite. Jetzt weiß er auch, warum. Wie hilflos man wird, wenn man Eisen trägt. Aber das wird er lernen müssen.
„Warum schläfst Du nicht?“
Fast reißt der tirn einen der Riemen wieder aus der Schnalle, so sehr erschrickt er, als die Stimme erklingt.
Er hat dieses Treffen am meisten gefürchtet, mehr als jedes sonst. Aber vermutlich muss es so sein. Also versucht er gar nicht erst, seinen Vater zu belügen.
„Ich werde…“
„Du wirst fortgehen.“, unterbricht ihn die klare Stimme des Alten, und seine Augen betrachten das ungeschickte Werk seines Sohnes, „Lass mich Dir helfen.“
Der Alte führt die Handgriffe in geübten Bewegungen aus und macht die Riemen fest. Das Gewicht der Rüstung verteilt sich angenehm, als der tirn sich aufrichtet.
Vater und Sohn betrachten sich eine Weile, bis der Alte das Schweigen bricht:
„Ich weiß von keinem Auftrag, der Gwaethil, dem Sohn von Ornrhoss, übertragen wurde, ohne das Wissen seines Vaters. Wohin also geht mein Kind so heimlich in der Nacht?“
Gwaethil versucht, dem Blick des Alten standzuhalten. Er scheitert wie immer.
„Ich habe Dir einen Brief geschrieben, Vater. Darin wirst Du alle Antworten erhalten.“
Der Alte nickt und sagt schließlich:
„Was auch immer es ist, denke daran, Dich zu eilen. Der Weg zu den Anfurten ist weit.“
Die Entscheidung ist vor Wochen gefallen.
Der tirn atmet schwer. Dieses Gespräch erfüllt tatsächlich alles, was er erwartet hat. Deswegen wäre er ihm am liebsten aus dem Weg gegangen
Greife nach dem Trotz und sag es.
Er schaut seinem Vater nun in die Augen (und kann eine Weile standhalten).
„Nicht zu den Antfurten werden mich Ravothians Schritte führen, Vater.“
Der Alte legt den Kopf schief und schweigt.
„Wir haben es geschworen. Wir haben einen Eid geerbt. Wir bleiben. So wurde es mich gelehrt. Du hast mir einen Namen gegeben, der mich stets daran erinnert. Kein Schiff wird Gwaethil, den Erben des Eidschwurs, ins Segensreich fahren. Es sei denn, er wird durch seinen Tod zum Hafen gerufen.“
„Du verwechselst Ehre mit Torheit, mein Sohn.“, sagt der Alte zornig, und der tirn kann dem Blick nicht mehr standhalten, „Wem willst Du Dein Leben opfern? Welchem Herrscher willst Du Dich verpflichten? Unser Volk schwindet. Es gibt kein Reich mehr, keine Heimat, zu der Du noch gehören kannst, wenn das letzte Schiff gefahren ist.“
„Es gibt noch Reiche.“, wagt er da zu sagen, „Jene, die tun, was wir über die Zeit vergessen haben, da wir uns in den Schatten der Wälder versteckt hielten. Du vergisst die Linien der Zweitgeborenen.“
„Die Atani?“, entfährt es dem Alten mit einer gehörigen Note Abscheu in der Stimme, „Was haben sie je getan, außer einander und allem anderen um sie herum zu schädigen? Sie haben keine Würde, die es verdient, geliebt zu werden.“
„Und welche Würde haben wir, Vater? Wir sind Nandor. Du selbst hast mich gelehrt, daß unsere Ahnen die Lande hier zu sehr liebten, als daß sie mit den Noldor nach Westen gingen. Sie haben nie das Licht der beiden Bäume gesehen. Doch all das taten sie, weil jemand hier verweilen mußte. Und wir stehen in der gleichen Schuld. Dies waren Deine Worte. Aber was haben wir während all der Zeit getan, außer an unseren Grenzen zu warten und einander zu betrachten? Und nun brechen wir die alten Eide und lassen die Welt im Stich, während sie immer dunkler wird? Welche Würde haben wir?“
Der Alte hat keine Worte und weicht vor seinem Kind zurück.
Er ist geschlagen. Das ist schmerzhafter als jedes tadelnde Wort von ihm.
Draußen am Boden wartet Ravothian. Er weiß, daß er heute Nacht noch eine Strecke zu gehen hat. Der tirn macht sein Gepäck fest und sitzt auf.
Der Alte tritt schließlich aus dem Schatten der Bäume.
„So sind dies also unsere Abschiedsworte, mein starrköpfiges Kind?“
Der tirn kann nichts antworten. Also nickt er.
„Was erwartest Du dort zu finden?“, fragt der Alte schließlich, „Niemand wird Dich dort empfangen. Du wirst niemals einer von ihnen werden, so sehr Du es aus versuchst. Dort gibt es nichts für Dich. Nur Einsamkeit.“
Der tirn presst die Lippen aufeinander und lenkt Ravothian hinunter zum Tal.
Er wagt es nicht, zurückzublicken.
Worte können Türen öffnen.
Und verschließen.
Das weiß er jetzt.
Hachja…schön mal wieder was von dir zu lesen 🙂
Vatersorgen… Hoffentlich wird mein Balg nicht so. 😉 Willkommen im Blog, Gwaethil!
Gott ist das schööööööön! Yeah Elben *freu und rumstrahl*
*zu Sybell flüster* Fühlst du dich auch plötzlich so klein und unwichtig?
Älben!