Zum letzten Mal

Gwaethil Eglainion
18. Mai 2010 • Kommentare: 11

In Jahren…

„Ich hatte wirklich gehofft, Du würdest noch einmal zu mir kommen. Doch warum trägst Du das?“
Die weiße Robe des Legendensängers.
„Um Euch die letzte Strophe zu lehren.“
Ihre Züge erschlafften. Sie starrte ihn fassungslos an. Ihr Gesicht schien sich nicht entscheiden zu können, ob es Trauer oder Wut anzeigen sollte.
„Ist das ein grausamer Scherz? Ist es das? Willst Du mich quälen?“
„Nein, Hoheit, ich habe Euch gegenüber noch eine Pflicht zu erfüllen. Und es ist nicht absehbar, daß wir diese letzte fehlende Stunde noch nachholen können. Also bitte ich Euch, nehmt Platz und lasst mich den Rest des Liedes für Euch singen.“
Sie nahm nicht Platz, sondern ging zu einem der Fenster, durch das ein honiggelber Sonnenstrahl ins Zimmer drang. Als sie die Wärme auf ihrer Haut spürte, schloß sie die Augen und atmete tief ein. Es quälte ihn, wenn sie das tat, wenn sie sich in seiner Gegenwart zu solch vertrauten Gesten hinreißen ließ.
Sie ließ eine Zeit vergehen, während er unschlüssig in der Kammer stand und alles betrachten wollte, was nicht sie war. Er war froh, daß die Lehrstunden nicht in ihren privaten Gemächern stattfanden. Vermutlich hätte er im ganzen Raum nichts gefunden, das nicht sie war.
Schließlich brach sie das Schweigen und schaute ihn an, und es schien ihm, als hätte sie ein Stück der Sonne noch immer auf ihrem Gesicht, als sie sich in den Schatten drehte.
„Dann bist Du also wirklich nur wegen des Liedes hier?“
Die verborgene Hoffnung, er möge etwas anderes als die unausweichliche Antwort sagen, war deutlich zu hören.
„So ist es, Hoheit. Ich habe die Pflicht, Euch…“
„Pflichten!“, unterbrach sie ihn, „Jeder hier…“
Sie umfasste mit einer Geste den Raum, doch sie meinte einen weit größeren Platz.
„Jeder hier redet ständig von Pflichten. Alle tun Dinge, weil sie sie tun müssen, nicht, weil sie sie tun wollen.“
Nun schaute sie ihn direkt an.
„Gibt es denn nichts außer Pflichten, das Dich Dinge tun lässt?“
Und leiser fügte sie noch einmal hinzu: „Nichts?“
Eine Weile verging, bevor er antwortete.
„Liebe, Würde und Stolz. Diese Dinge sind mein Antrieb. Stolz und Würde, die ich erhalte, wenn ich mir treu bleibe. Und Liebe für Euren Vater, dem ich Treue schulde.“
„Dann liebst Du meinen Vater mehr als mich, die so vieles von Dir gelernt hat, die Dir so nahe ist, wie sonst niemand hier? Die Deine einzige Freundin ist in diesem ganzen großen Land? Die Einzige hier, die Dich…“
Er konnte sie nicht ansehen, als er ihr ins Wort fiel.
„Wir dürfen so nicht miteinander reden. Zwingt mich nicht, diese Frage zu beantworten.“
Sie starrte ihn wieder eine Weile an und hob dann trotzig das Kinn.
„Also gut, dann sing… singt mir die letzte Strophe und verlasst mich dann. Ich muss mich auf meine Reise vorbereiten.“
Sie setzte sich hin und sah ihn nicht mehr an. Und er begann zu singen. Leise Worte in toten Sprachen.

Erst später, als niemand ihn mehr sah, gestattete er es sich, traurig zu sein wegen all den Dingen, die er in lebenden Sprachen auszudrücken nicht in der Lage war.

  1. Gwaethil hat die Hauptseite kaputt gemacht 😀
    mach mal das kursiv dings vor dem „weiter“-dings zu.

  2. Gwaethil Eglainion sagt:

    Hö? Bei mir haut alles hin.

  3. Die Übersicht auf der Hauptseite hat jetzt ne kursive Navigation.
    Zumindest bei mir 🙂

  4. Gwaethil Eglainion sagt:

    Jetzt hab ichs mal entkursivisiert. Besser?

  5. Cinlir Winthallan sagt:

    *großäugig guck* Reden wir hier von MEINER Tochter?

    Wenn ja, verzeihe ich dir trotzdem, weil’s so schön war. 🙂

  6. Gwaethil Eglainion sagt:

    So, nochmal Tippfehler korrigiert und das Ende noch ein bissel verändert.

  7. Gwaethil Eglainion sagt:

    @Cinlir: Ist ja übrigens auch gar nix passiert in meiner Zukunftsfantasie.

  8. Cinlir Winthallan sagt:

    Mein zukünftiges Ich verzeiht dir. *g*

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