Ein kalter Wind blies am Morgen durch die Siedlung von Bree und lies Fensterläden leise klappern. Die Bäume wehten und gaben ein kleines, fast wehmütiges Seufzen von sich, hatten diese doch schon seid geraumer Weile ihre Blätter verloren und freuten sich auf den Frühling, an dem wieder Farbe in das noch so graue Leben kam.
Eingewickelt in zwei Umhängen saß Mon hinter ihrem Haus und ein frösteln durchzog sie kurz. Vor ihr stand es, das Pferd.
Und das Pferd? – Es stand ihr gegenüber und sah sie mit den treuen Augen an und zeige so viel Dankbarkeit.
Sie war auf dem Weg von Bree nach Hause gewesen, als ihr ein Bauer mit einem Pferd entgegenkam. Er hielt es an den Zügeln und murmelte ein paar Worte vor sich her. Mons Blick war wie immer zu Boden, in Gedanken bei den Dingen, die sie erfahren hatte aus alten Akten, sie sie jetzt erst gefunden hatte und die nun schon Jahre her waren und eigentlich hätte sie auch nicht aufgeschaut, doch irgend etwas war anders. Als sie auf sah blickte sie kurz in die Augen des Pferdes, das ebenso den Kopf hängen lies und sie nur kurz an blickte, dann aber wieder hinter dem Bauern her trottete. Der Gang war langsam, obwohl der Herr wohl immer wieder versuchte es zu einem schnelleren Gang zu bewegen, ob mit ziehen an den Zügeln, oder einem Schlag mit dem Stock auf den Hintern … es zuckt nicht noch bewegte es sich schneller.
„Elendes Mistvieh, na komm schon. Ich bin schon im Verzug wegen dir. Jetzt mach Beine, der Schlachter wartet nicht.“
Mon sah dem Bauern und dem Pferd hinterher. Hatte die das gerade richtig gehört? Schlachter?
Sie folge den Bauern, obwohl er sie gerade in die andere Richtung führte, in die sie gehen wollte. Wollte der Bauer dieses wunderschöne Pferd wirklich zu einem Schlachter bringen?
Mit 5 Jahren saß sie zum ersten mal auf einem Pferd. Von diesem Tag an, hatte sie die Leidenschaft dafür entdeckt, half ihrem Vater fleißig bei der Arbeit und durfte die Fohlen füttern oder die Pferde säubern. Mit 9 schenkte ihr Vater ihr ein Pferd. Ein Fohlen, was sie ab jetzt betreuen sollte. Obwohl es nicht das stärkste Fohlen war und immer hinter den anderen her trottete war es für Mon ihr ein und alles. Jahrelang war Nemis ihr treuer Begleiter gewesen, und immer dann für sie da, wenn ihr Vater ihr wieder keine Aufmerksamkeit oder Liebe schenkte. Es war nie schnell oder außerordentlich gut im Springen, aber es war ihr Pferd, ihr Nemis. Als sie 14 Jahre alt war gab es einen Tag, an dem sie dafür verantwortlich war, die letzte Kontrolle der Ställe zu machen. Sie wusste, was zu tun ist, immerhin hatte sie das schon Jahrelang immer mal wieder getan. Nur diese Nacht machte sie anscheinend einen Fehler.
Aus ihrem Schlaf gerissen schreckte sie hoch, das Donnern und Blitzen draußen, der Regen, der Gegen das Fenster schlug, das Geräusch von Pferdehufen auf nassen Boden. Sie stockte. Mit einem Mantel über sich geworfen lief sie in den Regen, ihre Brüder und ihr Vater waren schon dabei die erschrockenen und panisch hin und her laufenden Pferde irgendwie einzusammeln, zu fangen. Sie sah das Gesicht ihres Vaters, dass zeigte, dass er ihr die Schuld gab. Und sie rannte los, um ihren Brüdern zu helfen.
Am nächsten Morgen saßen sie alle erschöpft in der warmen Stube, ihre Mutter goss heißen Tee auf, ihr Bauch war wieder geschwollen, das Kind würde im Frühling zur Welt kommen… vielleicht.
Keiner sagte einen Ton. Mit einem Rück stand Mons Vater auf und stiefelte nach draußen. „Geht euch neue Sachen anziehen, ihr seid ganz durchnässt.“
Als Mon ihr Hemd zu band und sich noch einmal der Waschschüssel zugewendet hatte hörte sie ein ihr bekanntes Wiehren. Mit einem Blick aus dem Fenster sah sie, dass ihr Vater Nemis an den Zügeln hatte und in Richtung der Halle ging, in der die Schweine getötet, ausgeblutet und zur Weiterverarbeitung aufgehängt wurden. Ihre Augen weiteten sich. So schnell es ging lief sie die Treppen runter in Richtung der Halle, ihr war egal, das sie mit nackten Füßen durch den aufgewühlten Schlamm lief, ihr war egal, dass es immer noch in Strömen regnete. „Nein“ schrie sie ihrem Vater entgegen, als er das Messer hob, an den Hals des Pferdes führte und schnitt „Nein“ schrie sie, als das Pferd das letzte mal zuckte. Ihr Vater legte das Messer beiseite und wendete sich dem Ausgang zu, blieb neben ihr stehen und sah in den Regen. „Es hat sich diese Nacht das Bein verletzt. Es wäre sowieso nicht wieder gesund geworden. Es ist deine schuld.“
Der Bauer lehnte sich an einer Weglichtung gegen einen Baum und schnaubte. „Mistvieh“ murmelte er noch einmal und band das Tier an dem Baum fest. Dann setzte er sich ins Gras und schlief nach wenigen Augenblicken ein.
Als Mon die Zügel vom Baum band und das Pferd langsam von dem schlafenden Bauern weg führte, da wusste dieses, dass es gerettet wurde, denn es war still und schritt hinter Mon her, ohne Scheu. „Du wirst nicht sterben, Kleiner. Ich bin ja jetzt da.“
Die Mon-Stiftung für Pferde, die selbstverschuldet in Not geraten sind…