Gorunen koy kilavuz istemez.
– Zum Dorf, das man sieht, braucht man keinen Führer.
Ächzend schlug sie auf dem Boden auf. Sandkörner wirbelten beiseite, als sie hustete, so dass sich eine kleine Kuhle vor ihrem Mund bildete. Die Augen vor Schmerz zusammen gekniffen, stöhnte sie leise auf. Nicht liegen bleiben. Du musst aufstehen. Stark sein. Auch wenn du geschlagen bist. Also richtete sie sich langsam und wacklig wieder auf. Ihr rechter Arm hing schlaff herab, die Hand jedoch hielt den Dolch weiterhin fest umklammert. Entschlossen blickte sie auf ihr Gegenüber. Auch wenn sie nicht viel von seinem Gesicht sah, lediglich die Augen, wusste sie das er schmunzelte. Zuviel Freude bereitete es ihm sie in den Sand zu schicken, ihre Gelenke auszukugeln oder sie bluten zu lassen. Einen Moment lang fragte sie sich wieso er sie am Leben ließ.
„Seit nun mehr neun Monden kommst du hierher. Es endet immer gleich. Gib auf.“ Im Moment klang aufgeben sehr verlockend. Aber das kam nicht in Frage. Zuviel hatte sie geopfert, um überhaupt in Erfahrung zu bringen wo sie sich aufhielten. Sie sah ihn herausfordernd an. In ihren Augen blitzte es. Er schüttelte nur den Kopf und ging in Kampfstellung. Noch nie hatte sie jemanden gesehen dessen Bewegungen so leichtfüßig wirkten, der es vermochte seine Waffen so präzise zu führen. Mit Ausnahme ihres Vaters vielleicht. Sie würde einen Teufel tun und jetzt aufgeben! Gerade als er ansetzen wollte, erneut auf sie einzuschlagen, ertönte eine Frauenstimme hinter ihr.
„Es reicht.“ Augenblicklich hielt er inne und neigte sein Haupt entgegen der Schönheit. Wie hatte sie es geschafft sich unbemerkt zu nähern? Unsicher darüber, ob sie ihn wirklich aus den Augen lassen sollte, verharrte sie in ihrer leicht geduckten Haltung. „Wie ist dein Name Mädchen?“ Als sie antwortete, versuchte sie ihre Stimme so fest wie möglich klingen zu lassen. „Mitra Semin.“ Noch immer blickte sie sich nicht um. Zu einfältig war sie, um zu erkennen, dass die weit größere Gefahr von der Frau hinter ihr ausging.
„Nikosh, geh zu den anderen. Ich werde mich mit Mitra unterhalten.“ Er nickte und neigte abermals sein Haupt, ehe er langsam den Schauplatz ihres Kampfes verließ. Wieder sah sie ihm nach. Es war ungewohnt, dass diesmal aufrecht zu tun. Ein leichtes Lächeln schlich sich auf ihre Lippen und endlich wendete sie sich der Frau zu. „Wer hat dir gesagt wo du uns findest?“ Mitra zog die Luft scharf ein. Wie oft hatte sie diese Frage in den letzten Nächten gehört? Selbst mit einer Klinge am Hals hatte sie nicht darauf geantwortet. Wieso sollte sie es jetzt tun? Also schwieg sie. Minuten vergingen in denen sich die Blicke der beiden Frauen ineinander bohrten.
Es war die Schönheit, die die Stille brach und in einem befehlsgewohnten Ton zu ihr sprach.„Du wirst deinen Namen ablegen. Ab heute heißt du Nayanah. Kind der untergehenden Sonne.“ Sie nickte zwar, aber auf ihrem Gesicht spiegelten sich hundert Fragen. Als sie ansetzte ihren Mund zu öffnen, hob die Frau ihre Hand und bedeutete ihr zu schweigen. „Du wirst nicht sprechen. Vierzig Tage. Und jetzt folg mir.“
Nayanah folgte und lächelte selig.