Kapitel I – Fahrendes Volk

Nayanah Prethibwa
2. Dezember 2011 • Kommentare: 0
Gonul kimi severse guzel odur.
– Schön ist, was man liebt.

Fackeln säumten das Lager, welches sie errichtet hatten. Sie kampierten in einiger Entfernung zur Stadt. Was notwendig war, denn keine Stadt die etwas auf sich hielt, duldete dieses Gesindel innerhalb ihrer Mauern. Ein Fakt, dessen sich Mitra Semin noch lange nicht bewusst war. Die Siebenjährige war viel zu sehr damit beschäftigt das Fell der Trommel zum singen zu bringen. Sie war nicht die Einzige die spielte. Zwei ältere Jungen schlugen ebenfalls rhythmisch den Takt, zu dem sich eine Frau rund um das Lagerfeuer in der Mitte des Platzes bewegte. Die Bewegungen jener weiblichen Gestalt waren anmutig, grazil und nicht zuletzt verführerisch. Sie trug einen weiten Rock aus dünnen Stoffen, welche es aufs Vortrefflichste  verstanden sich im richtigen Moment verheißungsvoll an die Haut der Frau zu schmiegen. Als führten sie ein Eigenleben. An ihren Fußgelenken waren kleine silberne Glöckchen befestigt, deren Klang sich harmonisch unter die Trommeln mischte, während sie sich bewegte. Ihr Oberkörper war lediglich mit weichen Tüchern umwickelt, die nur das Nötigste bedeckten. Man sah also den freien Bauch der Frau, während sie ihre Hüften anziehend kreisen ließ. Jeder im Lager sah nun zu ihr, als sich ihr Tanz dem Höhepunkt zuwandt. Der Mann, der hinter Mitra an einer mannshohen Holzplatte lehnte und die Arme verschränkt hielt, seufzte kehlig während sein Blick am Becken der Frau klebte. Mitra drehte den Kopf, um über die Schulter sehen zu können. Sie lächelte den Mann an, welcher eine weite sandfarbene Tunika über der ebenfalls sandfarbenen Stoffhose trug. Auffällig an diesem Mann war der Gürtel den er trug. An jenem waren unzählige Messer, in den dafür angefertigten Schlaufen, befestigt. Der Blick des Mannes löste sich kurz von der Frau, als das Mädchen ihn ansah. Er schob einen Mundwinkel zu einem angedeuteten Lächeln nach hinten, nickte aber dann in Richtung der Trommel. Tatsächlich kam sie leicht aus dem Takt, als sie ihre Aufmerksamkeit dem Mann schenkte. Sie sah also wieder nach vorn und konzentrierte sich auf ihre Aufgabe.
Der Tanz endete mit dem plötzlichen Schweigen der Trommeln und der Verbeugung der Frau in Richtung des Mannes hinter Mitra. Dieser neigte leicht schmunzelnd den Kopf und stieß sich dann von der Holzplatte ab. Die Stille wurde nun von Beifallsbekundungen der Umstehenden durchbrochen. Auch Mitra klatschte fröhlich in die Hände und sprang auf, um zu ihrer Mutter zu eilen. Die Frau, die eben noch die tiefsten Sehnsüchte aller anwesenden Männer geweckt hatte, schloss ihre Arme um das Mädchen.
 „Du warst richtig gut mein Schmetterling.“ Mitra verzog das Gesicht leicht. „War ich nich…am Ende hab ichs fast versaut.“ Ihre Mutter schenkte ihr ein warmherziges Lächeln und hockte sich zu ihr herunter. „Also ich habe nichts bemerkt. Und wenn ich, die sich auf das Spiel der Musik verlassen muss nichts gemerkt habe, hat es auch kein anderer.“ Sie strich dem Mädchen in einer liebevollen Geste über die Wange, als ein Räuspern hinter den beiden ertönte. Der junge Mann mit den Messern schmunzelte spitzbübisch. „Nun Mitra, wie steht es? Traust du dich heute einmal?“ Die Kleine biss sich auf die Unterlippe und musterte die Messer am Gürtel des Mannes. Noch ehe sie zu einer Antwort ansetzen konnte, packte der Mann sie und hob sie auf seine Schultern. „Baba! Nein!“ quiekte sie, als sie sich plötzlich eine Etage höher wiederfand. „Keine Sorge Kleines.“ Er hielt der Frau eine Hand hin und verbeugte sich so gut er es mit seiner Tochter auf den Schultern hinbekam. „Meine Schöne…“ Die Frau legte lächelnd ihre Hand in seine und ließ sich von ihm zu der Holzplatte führen, wo sie sich mittig aufstellte. Der Mann hob Mitra von seinen Schultern und stellte sie auf den Boden. Dann ging er einige Schritte auf Entfernung zu der Holzplatte. Mitra schluckte kurz. Sie hatte dieses Schauspiel schon viele Male beobachtet und dennoch…es war immer wieder spannend. Als das erste Messer sich dicht neben den Schenkel ihrer Mutter ins Holz bohrte, hielt sie die Luft an. Weitere Messer folgten. Und jedes von ihnen traf stets das Holz, wobei sie immer nah am Körper der Frau stecken blieben.

Die Festlichkeit dauerte noch einige Stunden an und so sehr sie auch versuchte wach zu bleiben, die Müdigkeit übermannte sie irgendwann. Sie bedauerte dies sehr, waren es doch stets unterhaltsame Dinge, die es zu sehen gab. Andererseits war ihr Vater gerade da. Und wann immer er es war, war er es der sie und ihren Bruder zu Bett brachte. Dieser Fakt linderte die Enttäuschung darüber nicht mehr mit den anderen tanzen oder spielen zu können beträchtlich. Denn ihr Vater verstand es ihnen die Nachtruhe mit allerlei abenteuerlichen Geschichten zu versüßen. Am liebsten mochte sie die Geschichten über den Bund der schwarzen Vipern. Aber heute Nacht war sie zu müde um lange zuzuhören. „Wie lange bleibst du baba?“ Der junge Mann trug sie erneut auf ihren Schultern und ging auf eines der Zelte zu. „Nur heute Nacht Kleines.“ Mitra zog eine bedauernde Schnute und krabbelte in das Zelt hinein, auf dessen Boden sich tatsächlich gemütliche Lager aus Fellen und Decken befanden. Sie kuschelte sich in ihres und schloss die Augen. „Bringst du mir irgendwann bei wie man die Messer so wirft, dass man keinen trifft?“ Ihr Vater schmunzelte und legte sich auf eines der nebenstehenden Lager. „Der Trick ist ganz einfach. Du musst etwas nehmen das dir wichtig ist. Etwas das du liebst. Etwas dem du auf keinen Fall schaden zufügen möchtest. Dann wirfst du auch vorbei. Wenn du das wirklich lernen willst, suche doch schonmal einen solchen Gegenstand und übe mit kleinen Steinen. Wenn ich wieder da bin, sehe ich mir an wie….“ Er stockte und schmunzelte. Offenbar hörte sie ihn schon nicht mehr. Er gab ihr einen Kuss auf die Stirn und begab sich aus dem Zelt, zurück zu ihrer Mutter.

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