Vor sieben Jahren…
Irgendwann im Leben eines Mannes kam die Zeit, in der vom Kind zum Mann wurde. Unweit dieser Zeit lag meist jene, in der es unüblich für dieses Kind wurde das Schlafzimmer der Eltern zu betreten, egal aus welchem Grund. Ab diesem Moment wurde jener spezielle Raum des Hauses gemieden wie die Pest.
In diesem Raum waren seine Mutter und sein Vater. Wenig verwunderlich. Und heute, noch mehr als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt, hasste Cinlir Winthallan den Gedanken, dieses Zimmer betreten zu müssen. Aber man hatte ihn gerufen. Er wusste, dass es jetzt nur noch eine Frage von Augenblicken war, bis man ihn hinein bat. Alles hätte er dafür gegeben, hätte man ihm diesen Weg erspart.
Es half nichts. Einer der Diener öffnete die Flügeltür. Cinlirs Mutter trat hinaus und mit ernstem Blick auf ihn zu. Sie verlor nur selten ihr Lächeln. Dass sie es heute tat bestätigte nur, was jeder im Haus bereits wusste. „Es ist soweit, Cinlir. Er wünscht dich zu sehen. Ich werde euch allein lassen. Enlir und Nanrir waren bereits bei ihm. Niemand wird euch stören.“
Dennoch hätte er das Haus seines Vaters dafür gegeben, hätte er auch nur die Aussicht darauf haben können, dass irgendjemand stören würde. Cinlir nickte und gab für seine Mutter den Weg in den Gang frei. Er selbst betrat das Zimmer seiner Eltern.
Schwere Samtvorhänge ließen nur in kleinen Ritzen Tageslicht in den Raum. Dabei war es draußen ein wundervoller Frühlingstag. Sonne, Vögel – nur dekorative Wolken. An anderen Tagen hätte er seine Mutter vielleicht sogar zeichnend im Garten gefunden. Der Tag jedoch hatte bereits beschlossen, dass sich die Welt heute gefälligst anders zu drehen hatte. Alles nur, für die blasse, in den letzten Tagen dürr gewordene Gestalt, sie in dem großen Bett unter all den Decken und auf all den Kissen lag: Herzog Deldrir Winthallan.
Cinlir kannte seinen Vater zu gut. Auch heute erlaubte er seinen Schritten zu ihm kein Zögern. Denn sogar jetzt würde sein Vater ihn deswegen zu mahnen wissen. Der Sohn des Herzogs, inzwischen selbst ein stattlicher junger Mann, trat an das Bett und kniete nieder. Anders als sonst nahm er die Hand seines Vaters und umschloss sie mit den seinen, trotz der Handschuhe. „Vater… Ihr habt mich rufen lassen.“
Die erste Erwiderung war lediglich ein kurzes, kraftloses Drücken seiner Hand. Der Herzog holte rasselnd Luft, wandte den Kopf seinem Sohn zu und musterte ihn aus trüb gewordenen Augen. „Cinlir?“ Trüb also. Und inzwischen demnach auch blind. Ob nun die Klinge des Feindes oder einfach nur die eigenen Körpersäfte, die ihn in den letzten Tagen langsam von innen heraus vergiftet hatten, ihn das Augenlicht kosteten, wusste Cinlir nicht zu sagen.
„Ja, Vater.“, antwortete Cinlir. Viel zu sanft, wie ihm selbst auffiel, als er gesprochen hatte. Die sonst übliche Ermahnung blieb aus. Sein Blick huschte über den dürren, nun wesentlich älter wirkenden Körper, den man vor wenigen Tagen vom Schlachtfeld hierher gebracht hatte. Kein großer Krieg. Nichtmal eine große Schlacht. Aber Scharmützel dieser oder jener Art gab es immer irgendwo. Und Ost Agar hatte nie die Verantwortung die damit einher ging gescheut. Nur hatte Cinlir seinem Vater immer gewünscht für etwas Wichtiges zu sterben, wenn es schon soweit kommen musste. Und er hatte sich gewünscht, dass dieser Tag noch lange auf sich warten lassen würde. Dass es ein schneller, guter Tod wäre. Auf dem Schlachtfeld, wie sich das nunmal gehörte. Aber nein. Stattdessen hatte man ihn zurück nach Hause gebracht und ihr so gut es ging um sein Leben gekämpft. Ein Kampf, der nun verloren erklärt worden war. Es galt nur noch den Abzug der Truppen zu überwachen.
„Cinlir, du wirst -“
„Sprecht nicht davon, Vater.“ Er hätte ihn gern anders darum gebeten. Oder den Mund verboten. Irgendetwas. Aber in diesem großen Haus lag vor ihm der einzige Mann, der verdammt nochmal niemals auf ihn hören würde.
„Cinlir… Du wirst meinen Platz einnehmen. Du bist mein Sohn. Ich weiß, du wirst was dir abverlangt wird gut machen.“
In der Hoffnung, es würde so leichter fallen diese Worte zu hören, schloss Cinlir die Augen. Den Blick seines Vaters nicht sehen zu müssen, gab ihm auch eine andere Kraft. „Ich werde dich nicht enttäuschen, Vater.“
„Die Kraft meines Hauses… Liegt in unserem Blut, Cinlir.“ Wieder dieser abscheuliche rasselnde Atmen. „Es ist die Kraft deines Hauses.“ Noch eine Pause. „Die du finden musst.“
„Vater, ich -“
Deldrir schien ihn nicht wirklich hören zu können. „Schütze unseren Namen. Mehre ihn.“
Irgendetwas ließ Cinlir den Kopf neigen und die Hand seines Vaters an seine Stirn heben.
„Vergib deinen Brüdern… Und wisse…“ Die folgenden Worte seines Vaters waren bestenfalls zu erahnen, so leise waren sie gehaucht. Cinlirs Augen blieben fest geschlossen.
Er kniete noch lange so, die Hand des Vaters an der eigenen Stirn. Lange Stunden, in denen nur noch er atmete.
Jetzt…
Abermals gibt es viel, was einen beschäftigt. Sveawyn kehrte endlich von ihrer Suche zurück. Damit steht auch Finarians Eidbruch fest. Und was passieren muss, sollte er mir wieder unter die Augen treten. Sie selbst scheint sich wieder einzufinden. Ich ließ sie bei Fianah einquartieren. Den beiden kann einander Gesellschaft nur gut tun.
Von den frischen Eheleuten gibt es, bisher, noch keinerlei Klagen, egal welches Paar man ansieht. Dafür scheint Izhkarioth seine Chance nicht wahrnehmen zu können, alter Eide wegen. Der Junge tut mir leid dafür, hatte er doch zum ersten Mal eine echte Chance auf eine gesicherte, normale Zukunft. Andererseits ist die Hochzeit um Cardaan wohl in trockenen Tüchern – ein Umstand, der für das Haus nur von Vorteil ist.
Ailis und Theron wachsen von Tag zu Tag. Man glaubt fast ihnen dabei zusehen zu können. Ich muss mich mit dem Baumhaus mehr beeilen. Aber immerhin der Boden ist diesmal fest und stabil. Er trägt gut. Im Gegensatz zum letzten Versuch bin ich dieses Mal beim Testsprung nicht eingebrochen. Ich bin froh, dass Sybell gerade zu Fuß unterwegs war, als das geschah. Ich glaube nicht, dass sie etwas von der Sache bemerkt hat. Außer vielleicht die elenden Spreißel.
Was mir mehr Sorgen macht sind die Berichte von der Front. Faeryllians Zahlen waren alles andere als ermutigend. Ich träume schlecht in letzter Zeit. Meine Sorge gilt Enlir…
And the joke is rather sad.
That its all just a little bit of history repeating.
(Shirley Bassey)